Pilgern ist ein Beten mit dem ganzen Menschen
Der Körper spürt die Anstrengung, der Atem findet seinen Rhythmus, die Gedanken werden klarer, das Herz wird weiter. Der Weg ordnet das Innere. Was im Alltag laut ist, wird leiser. Was verborgen war, kommt an die Oberfläche. Pilgern ist ein Gebet, das nicht im Kopf beginnt, sondern in den Füßen. Es ist ein Beten, das sich mit dem Gehen verbindet, mit dem Staub der Straße, mit dem Wind, mit der Landschaft, mit der Zeit.
Viele christliche und nichtchristliche Traditionen kennen das Pilgern. Im Westen sind es Wege wie Santiago, Rom, bei uns in Österreich Mariazell oder unzählige kleine regionale Wallfahrtswege. In der Ostkirche sind es die großen Klöster, die Ikonen, die heiligen Quellen.
Doch überall gilt: Der Weg ist nicht selbst das Ziel, sondern eine Verwandlung. Pilgern ist ein Loslassen – von Sicherheiten, von Gewohnheiten, von Eile. Und es ist ein Empfangen – von Stille, von Klarheit, von Vertrauen.
Pilgern ist ein Bild für das Leben
Niemand bleibt stehen. Jeder Mensch ist unterwegs, oft ohne es zu merken. Das Pilgern macht diese innere Bewegung sichtbar. Es sagt: Ich gehe nicht allein. Gott geht mit. Und jeder Schritt kann ein Gebet sein. Manche beten unterwegs den Rosenkranz, andere das Jesusgebet, wieder andere schweigen. Das Schweigen selbst wird zum Gebet, weil es Raum schafft für das, was Gott sagen will.
Pilgern ist deshalb nicht nur eine Reise, sondern eine Haltung. Es ist ein Weg, der das Herz öffnet. Ein Weg, der Geduld lehrt. Ein Weg, der zeigt, dass Gott nicht nur am Ziel wartet, sondern auf jedem Schritt des Weges gegenwärtig ist. Wer pilgert, betet mit dem ganzen Menschen. Und wer so betet, entdeckt oft neu, dass Gott nicht fern ist, sondern unterwegs entgegenkommt.